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Europas Diplomatie bekommt Gesellschaft

Ein Film, ein Konzert oder ein Gespräch zwischen jungen Menschen kann eine Verbindung schaffen, lange bevor es eine politische Einigung gibt. Mit diesem Gedanken habe ich in der vergangenen Woche die European Public Diplomacy Days 2026 eröffnet. Schon zum zweiten Mal durfte ich dabei sein und Gäste aus der Europäischen Union und vielen Partnerländern in Brüssel begrüßen. Besonders gefreut hat mich, dass so viele Menschen teilgenommen und ihre Erfahrungen in die Gespräche eingebracht haben.

Neben dem Wettbewerb um Märkte und Technologien gibt es auch einen Wettbewerb um Ideen und Erzählungen. Zu Europa gehört, dass wir öffentlich um gemeinsame Entscheidungen ringen. Wer diesen Streit gezielt als Beleg für ein handlungsunfähiges Europa darstellt und die gemeinsam gefundenen Lösungen ausblendet, verzerrt das Bild. Solche Erzählungen können das Vertrauen in Europa schwächen. Öffentliche Diplomatie trägt dazu bei, dass Menschen sich ein eigenes Bild von Europa machen können und verstehen, warum wir bestimmte politische Entscheidungen treffen.

Bei einem Auslandssemester oder einer persönlichen Begegnung erfahren junge Menschen, wie viel sie über Grenzen hinweg verbindet. Weil sie einander kennenlernen und gemeinsam lernen oder an einem Projekt arbeiten, können daraus Beziehungen entstehen, die Vertrauen schaffen. Wenn sie davon erzählen, wirken sie längst als Botschafterinnen und Botschafter Europas. Ihre Perspektiven und Kontakte gehören deshalb auch in die Gestaltung unserer öffentlichen Diplomatie.

Ein Instrument liegt mir dabei besonders am Herzen. Seit 1974 lädt das EU-Besucherprogramm Gäste aus aller Welt ein, die Europäische Union persönlich kennenzulernen. Gemeinsam mit der Hohen Vertreterin Kaja Kallas betreue ich dieses Programm. Die Gäste treffen Abgeordnete und Fachleute der europäischen Institutionen und können ihre eigenen Fragen und Anliegen mit ihnen besprechen. Umso mehr habe ich mich gefreut, dass viele Teilnehmende und Ehemalige im Saal saßen.

Weil Europas Beziehungen zur Welt auch durch die Arbeit in Städten und Regionen sowie durch zivilgesellschaftliches Engagement wachsen, war die Beteiligung des Europäischen Wirtschafts- und Sozialausschusses und des Europäischen Ausschusses der Regionen an den Public Diplomacy Days besonders wertvoll.

Anschließend moderierte ich ein Panel, in dem es um Vertrauen in einem Informationsraum ging, der schneller und umkämpfter ist als je zuvor. Ein zentraler Gedanke der Diskussion war: Desinformation gefährdet unsere Demokratien, und keine Institution und keine Ebene kann ihr allein begegnen. Glaubwürdige Stimmen in der Nähe der Menschen können Vertrauen schaffen. Damit Menschen irreführende Inhalte selbst erkennen und einordnen können, braucht es zugleich kritisches Denken von klein auf. Die Europäische Union muss dabei ebenso gut zuhören, wie sie erklärt. Algorithmen entscheiden maßgeblich darüber, wie sich Desinformation verbreitet. Deshalb müssen wir in der Europäischen Union schnellstmöglich handeln, um zu verhindern, dass Plattformen solche Inhalte durch ihre Empfehlungssysteme weiter verstärken.

Die Europäische Union verfügt über viele Instrumente, doch tragfähige Beziehungen entstehen erst, wenn Menschen miteinander ins Gespräch kommen und einander kennenlernen. Dieser Austausch braucht Geduld und die Bereitschaft, auch andere Sichtweisen zu verstehen. Öffentliche Diplomatie heißt nicht, das letzte Wort zu haben. Sie heißt, dafür zu sorgen, dass das Gespräch nie abreißt und wir wirklich hören, was unser Gegenüber sagt.