Bücher auf Händen getragen
Ein Buch entgegennehmen und in andere Hände legen: Tausende Menschen bildeten im Januar 2014 eine rund zwei Kilometer lange Kette durch Riga. So gelangten Bücher aus der alten lettischen Nationalbibliothek in ihr neues Zuhause, das „Castle of Light“. Für einen Moment lag jedes dieser Bücher in den Händen eines Menschen, der ihm ein Stück seines Weges ermöglichte.
Dieses Bild hat mich besonders berührt, als ich in dieser Woche die Ausstellung „Latvian Books – 500“ im Europäischen Parlament eröffnete. Meine Kollegin Sandra Kalniete und die lettische Nationalbibliothek haben damit eine Geschichte nach Straßburg gebracht, die von der Liebe zur eigenen Sprache erzählt – und davon, wie viel Menschen dafür tun, sie zu bewahren.
Am Anfang dieser Geschichte steht eine verhinderte Reise. 1525 sollten gedruckte lutherische Texte auf Lettisch und Estnisch nach Riga gelangen. In Lübeck wurden sie beschlagnahmt. Von diesen Büchern ist heute kein Exemplar bekannt. Dass es sie gab, wissen wir, weil jemand ihre Beschlagnahmung schriftlich festhielt. Die Bücher verschwanden; die Aufzeichnung bewahrte ihre Geschichte.
Das gedruckte Wort auf Lettisch fand dennoch seinen Weg zu den Menschen. Generationen haben in dieser Sprache ihre Geschichten erzählt und Erinnerungen weitergegeben. Manchmal trägt schon ein einzelnes Wort ein ganzes Stück Heimat in sich. Wie viel davon in Büchern aufgehoben ist, macht diese Ausstellung auf berührende Weise erfahrbar.
Gerade das unverwechselbar Lettische gehört ins Herz unserer europäischen Kultur. Wir können uns der eigenen Herkunft verbunden fühlen und zugleich europäisch sein. Im Parlament hören wir täglich, wie selbstverständlich das zusammengehört: Lettisch ist eine unserer 24 Amtssprachen. Niemand sollte seine Sprache an der Tür abgeben müssen, um in Europa eine Stimme zu haben.
Mein herzlicher Dank gilt Sandra Kalniete und der lettischen Nationalbibliothek für diese Ausstellung. Die Menschen in der Bücherkette von Riga haben für mich ein Bild dafür geschaffen, wie wir unser kulturelles Erbe lebendig halten. Wir nehmen entgegen, was andere vor uns bewahrt haben, machen es zu einem Teil unseres Lebens und geben es weiter. Ein Buch, das für einen Moment in unseren Händen liegt, kann noch viele Menschen nach uns erreichen.
