Europas Verantwortung: Klarheit statt Naivität

Die Ereignisse der letzten Wochen haben uns mit enormer Wucht vor Augen geführt, dass wir an einem Wendepunkt der Geschichte stehen. Vermeintlich sichere Grundlagen geraten ins Wanken – höchste Zeit, sich der veränderten Realität zu stellen.

Europa muss geschlossen zusammenstehen. Der Schulterschluss mit den USA bleibt wichtig, doch zugleich müssen wir entschlossen und aus eigener Kraft für die Ukraine als Teil unserer Gemeinschaft eintreten. Der brutale Angriffskrieg Russlands hat uns die Dringlichkeit einer robusten und zukunftsfähigen Verteidigungspolitik vor Augen geführt – nicht nur als Reaktion auf unmittelbare Bedrohungen, sondern als Investition in die langfristige Sicherheit Europas.

Der „ReArm Europe“-Plan von EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, mit dem fast 800 Mrd Euro mobilisiert werden könnten, setzt genau hier an: Er stärkt die Verteidigungsfähigkeiten der Mitgliedstaaten und fördert zugleich die industrielle Basis, die für eine nachhaltige Aufrüstung nötig ist. Europa ist nicht nur eine Wirtschaftsmacht – es muss auch eine Sicherheitsmacht werden, die in der Lage ist, ihre eigenen Interessen zu wahren und ihre Werte zu verteidigen.

Der Plan kombiniert öffentliche Mittel, private Investitionen und innovative Finanzinstrumente, um die Verteidigung Europas auf das nächste Level zu heben. Mitgliedstaaten können gezielt in Technologien wie Luft- und Raketenabwehr, Cyberabwehr und militärische Mobilität investieren und durch gemeinsame Beschaffungen die Interoperabilität ihrer Streitkräfte sowie die Effizienz der Investitionen verbessern. Gleichzeitig stärkt Europa seine Industrie, die als Rückgrat der Verteidigungsfähigkeit dient.

Doch diese Mobilisierung von Ressourcen ist nur ein Teil der notwendigen Veränderung. Wir müssen unsere Zusammenarbeit vertiefen und unsere Sicherheitsstrukturen weiter vernetzen. Nationale Alleingänge in der Verteidigung europäischer Werte und Interessen werden künftig nicht mehr ausreichen. Nur als geeintes Europa können wir diese Herausforderungen meistern.

Die Bedrohungen sind real und die Sicherheitslage komplexer denn je. Großmut kann gegen Größenwahn verlieren – doch langfristig ist es gerade die Besonnenheit und die Bereitschaft, im Einklang zu handeln, die Europa zu wahrer Stärke führen wird. Auf neue Herausforderungen dürfen wir nicht mit alten Antworten reagieren – insbesondere dann, wenn erratische Entscheidungen, die einst verlässliche Partner trafen, mehr Irritationen und Ängste hervorrufen als stabile Lösungen.

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